Sehen bei Nacht

Wer sein Fernglas auch einmal in der Dämmerung benutzt bemerkt schnell manche Besonderheit. Auch bei fortgeschrittener Dämmerung kann man mit dem Fernglas deutlich mehr als mit bloßem Auge sehen. Ein moderneres Fernglas mit mehr als 80 % Lichttransmission und mindestens 5 mm Austrittspupille ermöglicht sehen bis in die späte Dämmerung. Mehrfachvergütungen steigern Kontrast und Detailerkennung. 

Etwa 45 Minuten nach Sonnenuntergang tritt eine Veränderung ein. Farbsehen und räumliches Sehen hören auf einmal auf und auch das Sehen mit Fernglas ist stark eingeschränkt. Leider ist der Mensch im Gegensatz zu vielen Tieren für nächtliche Aktivität ohne Licht  schlecht eingerichtet. Von der Dunkelheit geht ein Gefühl der Unsicherheit aus, man ist ängstlicher, kann sich schlechter orientieren, hört in der Stille jedes Geräusch.

Nach etwa einer halben Stunde tritt eine Veränderung ein. Man sieht wieder deutlich mehr,  auch mit dem Fernglas. Die für das Nachtsehen wichtigen Sinneszellen = Stäbchen der Netzhaut haben sich an die Dunkelheit adaptiert. Die ungleichmäßig, außerhalb der Netzhautmitte angeordneten Stäbchen ermöglichen bei Nacht nur ein weniger scharfes Schwarz-Weiß-Sehen. Was nun sichtbar wird ist stark abhängig von Lebensalter, Mondphase, Witterung und Lichtreflektion am Himmel. Im Vergleich zum Tag gibt es bei Nacht deutlich größere Helligkeitsunterschiede. So kann eine klare Vollmondnacht mehr als 100x heller als eine Nebelnacht sein. 

Foto durch Okular Nachtsichtgerät, Generation 2+ (Photonis-Röhre XX0041C, Objektiv 4- fache Vergrößerung)

Das nächtliche Licht hat einen hohen Rot- und nicht sichtbaren Infrarotanteil. Herkömmliche Nachtsichtgeräte arbeiten mit Infrarot-Restlicht und sind eine Möglichkeit sich nachts in der Natur besser zurecht zu finden. Gute Nachtsichtgeräte sind Ferngläsern weit überlegen. Monokulare Nachtsichtgeräte haben den Vorteil, dass jeweils nur ein Auge seine Dunkeladaption verliert, während man sich mit dem anderen im Nahbereich weiter zurecht finden kann. Derzeit (2022) findet bei vielen Jägern ein Umdenken statt. Wo sich Nachtsichtgeräte in vergangenen Jahren langsam durchgesetzt haben treten nun auch Wärmebildgeräte hinzu oder lösen sie teils ab. Das hat zur Folge, dass leistungsfähige Nachtsichtgeräte (Generation 2+ oder 3) schon für einige hundert Euro auf dem Secondhand-Markt gehandelt werden. 

Foto mit Wärmebildgerät (Sensor 640 x 512, Objektiv 35 mm, 2- fache Vergrößerung)

Auch gute, auf kürzere Distanz nutzbare Wärmebildgeräte sind ab ca. 1.200,- Euro erhältlich. Wärmebildgeräte sind wirkliche 'Gamechanger'. Alles was lebt, Wärme abstrahlt, Mensch und Tier sind damit auf mehrere hundert Meter erkennbar. Auch in vollkommener Dunkelheit, z.B. bei dichtem Blätterdach außerhalb der 'Zivilisation' kann man seine Umgebung noch deutlich erkennen. Bei Kauf eines Nachtsichtgerätes empfiehlt es sich auf Qualität und Zustand der Röhre zu achten. Ein lichtstarkes, weitwinkliges Objektiv mit Objektivwechsel-Möglichkeit für verschiedene Vergrößerungen kann recht hilfreich sein (Adapter-Anschluss). Bei Wärme-bildgeräten sind ausreichende Sensorgröße mit nicht zu kleinem Objektiv wichtig.

 

Als normaler Spaziergänger oder Naturliebhaber benötigt man für gelegentliche Abend-spaziergänge natürlich keine Nachtsichttechnik und kann schon mit einem Fernglas eine Menge sehen und den Nachthimmel erkunden. Wer Freude an Tieren hat wird überrascht sein wie viel Leben nachts in der Natur unterwegs ist und wie anders dann das Verhalten der Feld- u. Waldbewohner ist. Ob ein Uhu lautlos über den Boden gleitet oder Rehe, Wildschweine, Hasen sich ungezwungen durch die Nacht bewegen, oder Sie von einem Fuchs durch sein Revier begleitet werden. Das in der Ruhe der Nacht Gesehene hat einen Zauber und bietet Entspannung wo man es kaum erwartet. Bei nächtlichen Gängen in der Natur sollte das Wild nicht mehr als unbedingt nötig gestört werden und im eigenen Interesse auch Rücksicht auf Jagdpächter genommen werden. Dazu gehört u.a. auf den Wegen zu bleiben und den Bereich besetzter Hochsitze oder Ansitze großräumlich zu umgehen.